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Geschichten aus dem Motorradsattel

Grünes Band – Tag 10: Mit 4 Std. Verspätung und Dauerdusche über den Harz

Geschrieben von: Mark

Um 06:30 Uhr klingelt mein Wecker – Viel zu früh, auch wenn es heute über den Harz geht. Ich liege hart, da meine Luftmatratze wieder platt ist. Noch Mal aufpusten, drauflegen und dösen. Um 07:00 Uhr setze ich mich dann doch in meinen Stuhl vor das Zelt, da die Matratze wieder platt ist. Es ist sonnig, obwohl das für heute gar nicht angekündigt war. Da jetzt Zeit und Ruhe ist, fange ich an, bei den Blogeinträgen aufzuholen. Das Erinnern und in die richtige Reihenfolge bringen ist gar nicht so einfach, wenn man so viel erlebt und sieht. Dabei bemerke ich noch mein Restessen von gestern Abend, wegschmeißen oder aufessen? – Kalte Spätzle mit Rotkohl als Frühstück? Warum nicht?

Eigentlich schreiben wir ja nicht über unsere Morgentoilette, aber für diesen Tag muss das sein, da es bei Olaf im Garten so besonders ist. Im Garten steht ein alter Bauwagen mit einer Komposttrenntoilette. Da wir Kleingärtner sind, interessiert uns die Bauweise sehr.

Ansonsten ist der Morgen Routine, soweit man das bei einer 1niteTent-Schlafmöglichkeit behaupten kann. Olafs Garten ist auch ziemlich gut ausgestattet. Heute geht es über den Harz zu unserem Arbeitskollegen Oli nach Badersleben, da er uns bei unserer Testtour angeboten hat, für die richtige Tour wieder einen Schlafplatz zu stellen. Nach dem Kaffee trinken, bringe ich den Kaffeesatz zur Mülltonne und schaue nach dem Lasti-Akku, den ich zuvor Abends auf der überdachten Terrasse zum Laden anstöpseln durfte. Ich drücke den Knopf für die Ladeanzeige und traue meinen Augen nicht: 1 von 5 Ladebalken – In der Nacht wurde der Akku nicht geladen. Das wird eine Katastrophe für den Zeitplan, es ist 10:00. Ich brauche zwingend einen vollen Akku für die Harzüberquerung. Ich stöpsele den Akku noch mal aus und wieder ein: Nun lädt er. Zurück an unserem Zeltplatz briefe ich Josch. Wir haben jetzt leider ca. 4 Std. Zwangspause. Diese nutzen wir, um die nächsten zwei Blogeinträge zu schreiben und uns natürlich abfahrbereit zu machen. Zwischendurch schaue ich mal wieder nach dem Akku. Er lädt ohne Unterbrechung – entweder ich habe gestern nicht richtig hingeschaut oder unsere Gastgeber haben es gestern gut gemeint und den Akku noch mal umpositioniert.

Während unserer Zwangspause hören wir plötzlich ohrenbetäubenden Lärm. Ein Hubschrauber zieht im Tiefflug über unsere Köpfe hinweg. Wir tippen auf Notlandung, da er auf dem Feld nebenan herunterkommt. Die Leute die jedoch aussteigen, sehen entspannt aus. Wir setzen uns wieder in unsere Stühle und schreiben weiter. Nach 10 Min. hören wir den Heli wieder abheben, jedoch nach 15 Min. landet er wieder. – Scheint ein Rundflug-Heli zu sein. Um 12:00 scheint wohl Mittag bei den Piloten zu sein, da es endlich wieder still wird. Es ist 13:45 und wir stehen abfahrbereit in der Einfahrt, aber dem Akku fehlt noch der letzte Ladebalken. Wir schauen alle paar Minuten gespannt auf die Anzeige – Immer noch nicht fertig. 13:57: mir geht es auf die Nerven und ich will den Akku zum Checken der Reichweite vom Ladekabel nehmen, aber siehe da: vollständig geladen – Rein ins Lasti, Ladekabel verstaut und los, mit 4 Std. Verspätung.

Olaf hat uns gestern empfohlen, nicht unsere ursprüngliche Route zu fahren, sondern über Zorge auszuweichen, da dies mit dem Fahrrad, wegen der Steigung, nicht ganz so hart ist. Der Harz ist ganz anders als die Bergstraßen in Bayern: Die Straßen sind meist nicht so steil, aber die Steigung erstreckt sich über viele Kilometer. Es kommt einem optisch gar nicht steil vor, ist es aber. Das merkt man definitiv beim treten. Es geht direkt ab Elrich kontinuierlich bergauf – Immer die Passstraße entlang. In regelmäßigen Abständen zeigen uns Schilder am Straßenrand die Höhenmeter an. Ab 400m fallen mir diese erst auf, da ich vor lauter bergauf, mich voll auf meinen Tritt konzentriere. Kurz vor 400 Höhenmetern, wir haben Zorge gerade hinter uns gelassen, ruft uns ein Wanderer zu: „Viel Spaß da oben“ An seinem Grinsen wissen wir, dass wir viel „Spaß“ auf dem Weg dort hin haben werden.

Kurz danach gibt uns die Passstraße einen schönen Ausblick, der sich bei dem Getrete hinauf, langsam verändert. Nur eins bleibt erst einmal gleich: Rechts geht es runter ins Tal, links die Kante zum Berg. Was sich allerdings verändert: Anfangs standen die weidenden Kühe vielleicht mit 20 Meter Höhenunterschied auf der rechten Seite entfernt. Irgendwann wurde aus dem Weidezaun nur noch Leitplanke und dahinter ging es steil abwärts. Der Himmel trägt immer noch nur ein paar weiße Wolken und die Sonne überwiegt.

Kurz nach dem Erreichen des 500er Höhenmeter-Schildes beschließen wir in der nächsten Haltebucht eine kurze Pause zu machen. Die Landschaft hat sich geändert: Rechts und Links steht nur noch Wald. Der Blick auf Tal und Wiesen ist jetzt passé. 11 km in knapp einer Stunde haben wir jetzt hinter uns gebracht. Der Blick in den Himmel ahnt nichts Gutes: Es zieht sich zu – aber der schnelle Wetterwechsel muss im Harz nicht unbedingt etwas heißen. Mit ein wenig Glück ziehen die Wolken noch über. Noch ein Müsliriegel und dann weiter. Die Komoot-App sagt noch ca. 200 Höhenmeter auf den nächsten 3 km voraus bis es nicht mehr weiter aufwärts geht. – meine Regenjacke bleibt in der Tasche.

Es bleibt anstrengend, trotz Dauerunterstützung des E-Motors auf niedrigster Stufe. Hoffentlich reichen die Restkilometer bis Oli. Es geht ja auch irgendwann wieder bergab. Daher verdränge ich die Reichweitenangst erst einmal. Nach 20 Minuten sehe ich endlich einen Stein an der rechten Straßenseite in den „Nullpunkt“ eingehauen ist – Endlich nicht mehr weiter rauf und 650 Höhenmeter geschafft. Ich schalte den E-Motor aus und trete weiter. Die nächste Pause ist erst in einer halben Stunde wieder dran.

Alles scheint heute etwas langsamer zu gehen. Beim 15. Kilometer sollen wir rechts abbiegen. Es geht bergab und wir sehen auf dem Weg in der Ferne tiefschwarze Gewitterwolken. Wir halten sofort an und besprechen die Lage. Die Komoot-App sagt uns, dass bei der letzten Weggabelung auch der andere Weg nach Braunlage führt. Jetzt fängt es an zu regnen, obwohl es über uns noch passabel aussieht. Da wir sowieso gerade stehen, ziehe ich mit die Regenjacke an. – Eine gute Entscheidung, wie sich noch herausstellen wird. Also wieder bergauf, zurück zur Weggabelung.

Auf diesem Weg gewittert es zwar nicht, es regnet sich jedoch trotzdem ein. Bis nach Braunlage sind es noch gut 5 km. Wir müssen nicht auf der Landstraße fahren, da parallel ein eingefahrener Trampelpfad verläuft. Er ist überwiegend gut zu fahren. Kurz vor Ende passiert es dann doch: Wegen überwucherndem Gestrüpps muss ich die schmale ausgefahrene Linie verlassen und das Vorderrad rutscht mir auf dem matschigen Gras weg. Glücklicherweise kam ich schnell genug vom Sattel, damit das Lasti nicht zur Seite kippt. Mit Mühe klappt das Anfahren auf dem weichen, rutschigen Untergrund, bis ich wieder auf den Pfad zurückkomme. Noch ein kurzes Stück, dann die letzten Kilometer auf Landstraße bis das Ortsschild Braunlage an uns vorbeizieht. Josch kennt sich hier aus, also folge ich ihm unauffällig. Der Regen ist mittlerweile recht stark geworden. Dies erkennt man an den zahlreichen Motorradfahrern, welche sich an Bäumen an der Straße untergestellt haben. Wir fahren noch ein Stück weiter – Endlich bergab. Wir halten auch nach einer Unterstellmöglichkeit Ausschau. An der Kirche steht ein großer Baum. Dort parken wir und warten. Es ist 16:00 Uhr.

Wir sind klatschnass – Ich übrigens auch unter der Jacke. Nicht etwa, weil die nicht dicht ist, sondern weil ich durchgeschwitzt bin. Ich kann nicht beurteilen, ob ich unter oder über der Jacke nasser bin. Und deswegen wird mir jetzt beim Warten kalt. Wir stehen unter diesem Baum wie die begossenen Pudel. Als es etwas mit dem Regen nachlässt ziehe ich mir meinen Hoodie an und wir setzen uns auf die Außenveranda eines Cafés an der Hauptdurchfahrtsstraße des Ortes. Keine 5 Min. Später regnet es aus Eimern. Eigentlich wollten wir nur ein Kaffee bis der Regen aufhört, aber die Bedienung macht uns auch einen Kuchen schmackhaft. Der Regen hört unterdessen nicht auf – es regnet sich ein. Was solls, noch ein Espresso und dann weiter. Ich beschließe der Hoodie bleibt unter der Jacke an.

Noch etwas mehr als 50 km bis zum Ziel und einmal Berg auf geht es auch noch. Wir fahren aus Braunlage heraus Richtung Elend – ja elendig fühle ich mich auch gerade. Immer noch auf der Landstraße zieht sich der Weg und es regnet eifrig weiter. Vor Elend halten wir kurz in Bremke und schauen uns das Grenzdenkmal an.

Es geht nun weiter auf Schotterwegen, an denen sich links und rechts riesige Holzstapel türmen. Hier ist alles kahl – Die Folgen der Monokultur. Die Harvester haben ganze Arbeit geleistet. Das merkt man auch auf dem Weg, da das Profil der monströsen Maschinen den Weg so geformt haben, dass das Lasti lautstark klappert.

Bei Drei Annen Hohne machen wir hinter dem Bahnhof der Harzer Schmalspurbahnen Rast. Unsere Hintern brauchen mal Pause. Es ist schon halb 7. Eigentlich gäbe es hier eine warme Erbsensuppe, aber wegen Corona hat hier alles dicht. Wir plündern also weiter unsere Lasti-Kiste. Als die Schranke hinter dem durchfahrenden Zug wieder öffnet, wird es Zeit für uns weiterzufahren. Es geht weiter steil bergauf auf den höchsten Punkt der Etappe – 710 Höhenmeter. Es sind noch gut 37 km zu fahren.

Es geht leicht bergab auf breiten Schotterwegen, wieder an unzähligen Holzstapeln vorbei, Richtung Ilsenburg. Wenigens lässt der Regen jetzt wieder ein wenig nach. Gegen 20:00 Uhr machen wir vor der großen Abfahrt noch einmal Pause. Diese Stille im Harz. Kein Rascheln der Blätter, da es keine Bäume mit Laub mehr gibt, kein Vögelgezwitscher, da es keine Nistmöglichkeiten gibt. Nur das Heulen der Schmalspurbahn durchbricht die Stille mit einem hallenden Echo.

Nach dem 42. Kilometer geht es dann bergab und zwar kräftig. Ich habe schon gut mit dem Bremsen zu kämpfen. Der Wegbelag ist nicht der Beste und ich muss darauf achten, dass das Lasti bei der Abfahrt nicht über 50 km/h schnell wird, da dann der kleinste Fehler übel enden könnte. Kurz vor Ilsenburg wird es an der Ilse wieder etwas flacher, trotzdem geht die Abfahrt mit gut 30 km/h ohne treten weiter. Es beginnt die Ortseinfahrt, was man am Straßenbelag merkt: Kopfsteinpflaster, alles klappert und rattert – wahrscheinlich wecke ich alle Bewohner. Für eine Ortsbesichtigung bleibt keine Zeit. Wir wollen endlich ankommen. Noch fünf Ortsdurchfahrten, dann sind wir endlich in Badersleben.

Es fängt schon an zu dämmern, aber wir reißen Kilometer, da es sachte bergab geht und wir keinen großen Gegenwind haben. Nach der zweiten Ortschaft ist es dann dunkel und der Fahrradweg zu Ende. Wir machen Nachtfahrt auf der Landstraße. Von der Umgebung ist nichts mehr zu erkennen. Nur in der Ferne das Ziel: die Höhenbegrenzungsleuchten der Windkraftwerke bei Oli um die Ecke.

Badersleben liegt natürlich wieder auf einer Anhöhe und der Fahrradweg seit der letzten Ortschaft dort hin hat es nochmal in sich. An den Windkraftwerken geht es noch einmal steil bergauf. Meine Restkilometeranzeige ist nur noch einstellig. Danach geht es fix und wir stehen bei Oli auf dem Hof – Punktlandung. Für 3 Km hätte ich noch Strom. Es ist 21:30 Uhr.

Bei Oli ist es ungewohnt: In vier Wänden auf der Couch ein Radler trinken wirkt ungewohnt. Nach der Dusche noch ein Stück Lasagne und der Tag ist geschafft. Beim Klönschnack mit Oli bin ich schon derbe müde. Noch ungewohnter ist heute Abend der „Schlafluxus“ – eine gepolsterte Couch: Welch Wohltat für meinen Rücken.

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3 Kommentare

  1. Philip 30. August 2021

    Ich hoffe, dass ihr einen ruhigen und erholsamen Abend bei eurem Kollegen hattet. 🙂 Eure Berichte über die Fahrt sind aber super spannend!

    • Mark Wittig 30. August 2021 — Autor der Seiten

      Danke für das Feedback. Wir kommen leider nur mit dem schreiben nicht hinterher 🙂

      • Philip 31. August 2021

        Ihr sollt ja auch in erster Linie eure Reise genießen! 🙂 Und nach allem was ihr bis jetzt geschrieben habt, sind eure Reisetage schon ziemlich fordernd.

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